Gemeinsam auf den Spuren von Literatur und Erinnerung
(Zittau) 123 deutsch-tschechische Projekte werden sich schon bald in konkrete Veranstaltungen verwandeln. Der Zukunftsfonds stellt dafür insgesamt 570.000 Euro zur Verfügung. Dies haben die Mitglieder des Verwaltungsrates auf ihrer Sitzung in Zittau beschlossen.
„Der diesjährige Herbst steht ganz im Zeichen von Literatur und Kunst, die beide Länder auf der Frankfurter Buchmesse wie auch im Rahmen des Jahres der tschechischen Kultur in Deutschland miteinander verbinden. Das hat junge Menschen inspiriert, die eine Reihe von Begegnungen, Schüleraustauschen und Workshops vorbereitet haben, und es hat Dutzende interessanter Projekte in all unseren Förderbereichen hervorgebracht. Die originellen Ideen eröffnen neue Wege, auf die sich Deutsche und Tschechen gemeinsam begeben. Sie lernen Publikationen und deren Autoren, menschliche Schicksale vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse, Ausstellungen und Filme, ergänzt durch Diskussionen, kennen. All das verbindet sie, schafft und festigt freundschaftliche Beziehungen – die beste Prävention gegen negative Stimmungen und Äußerungen in der Gesellschaft“, sind sich Petra Ernstberger und Jindřich Fryč, die Ko-Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Zukunftsfonds, einig.

Alle neu bewilligten Projekte werden auf der Website des Zukunftsfonds veröffentlicht. Einige davon möchten wir Ihnen hier vorstellen:
Reiseführer auf den Spuren von Schriftstellern des Isergebirges
Das erste umfassende deutsch-tschechische Werk, das auf Wanderrouten regionale Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart näherbringt. Es bietet zwölf Ausflüge zu Orten, die mit Leben und Werk bekannter wie auch vergessener Autorinnen und Autoren aus der Vorkriegszeit verbunden sind. Der erste Band umfasst das Gebiet von Liberec (Reichenberg) über die Region Frýdlant (Friedland) und das Böhmische Paradies bis hin zum Riesengebirgsvorland. Die Publikation „Literarische Wanderungen durch die Region Liberec“ wird vom Haus der deutsch-tschechischen Verständigung (Dům česko-německého porozumění) Rýnovice (Reinowitz) gemeinsam mit dem Heimatverlag Berndt vorbereitet.
Empfehlung: 100.000 CZK
Ausstellungsprojekt „Vamos a la playa! – Urlaub mit Diktatoren“
Urlaub in einem autoritären Land? Kommt darauf an, was man sich davon verspricht: Entweder man blendet das Geschehen in der dortigen Gesellschaft aus oder es geht einem nahe. Verschiedene Perspektiven auf dieses originelle Thema bietet eine Ausstellung in Dresden, die der Verein „riesa efau. Kultur Forum Dresden“ für nächstes Jahr plant. Sein langjähriger tschechischer Partner, das Kulturzentrum Řehlovice (Groß Tschochau), beteiligt sich an der Gestaltung einer „Erinnerungsbox“ an Urlaube in nichtdemokratischen Ländern und bindet tschechische Künstlerinnen und Künstler in das Projekt ein. Zudem handelt es sich um ein Phänomen, das in beiden Ländern aus der Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei und DDR bekannt ist, die von Touristen aus aller Welt besucht wurden. Ergänzt wird die Ausstellung durch ein umfangreiches Begleitprogramm in Form von Diskussionen, Workshops, Filmen und Führungen.
Empfehlung: 5.000 Euro
Gemeinsamer Schülerworkshop zu den Ereignissen von 1968
An den Gesangswettbewerb „Intervision“ 1968 in Karlsbad erinnert sich heute kaum noch jemand. Vielleicht hat ihn die Künstlergruppe Boys in Sync aus Frankfurt am Main gerade deshalb als Ausgangspunkt für einen Workshop mit Gymnasiasten aus Leipzig und Ústí nad Labem (Aussig) gewählt. Gemeinsam werden sie sich mit der Reflexion und den Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968 befassen. Ihre Rechercheergebnisse übertragen sie in eine Inszenierung unter der künstlerischen Leitung der Performerin Markéta Hrehorová, die das Bildungsprogramm konzipiert hat und zugleich Partnerin des gesamten Projekts ist. Der performative Geschichtsunterricht fördert die aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schüler, die ihre theatralische Aufarbeitung dieser historischen Epoche in beiden Städten der Öffentlichkeit präsentieren werden.
Empfehlung: 9.000 Euro
Was bringt uns die KI?
Es ist eine Herausforderung! Künstliche Intelligenz hat Einzug in das Leben junger Menschen gehalten und sie werden mit ihr aufwachsen. Verstehen sie dieses neue Tool zu nutzen und dabei selbstständig zu denken? Ein aktuelles Thema, mit dem sich Schülerinnen und Schüler aus Oberschulen in Kutná Hora und aus der KOSMOS-Bildung Münsterlandschule Tilbeck gemeinsam auseinandersetzen werden. Und dabei sind sie nicht allein: Fachleute von Universitäten und Unternehmen werden ihre Erfahrungen mit ihnen teilen. In gemeinsamen Workshops erörtern sie Nutzen und Risiken der KI, erstellen Videos, Blogs, Podcasts oder einen „KI-Kompass für Jugendliche“, der Anfängern Orientierung in der neuen virtuellen Realität bieten soll. Zudem üben sie Tschechisch und Deutsch und lernen die Städte ihrer Altersgenossen kennen. Die zwei achttägigen Schülertreffen sind das erste Projekt ihrer Schulen. Eingereicht wurde es zu unserem Jahresthema 2026 „Die Generation unseres Jahrhunderts“.
Empfehlung: 5.488 Euro
Erzähltradition kennt keine Grenzen
Mündliches Geschichtenerzählen hat auch im multimedialen Zeitalter nichts von seinem Zauber verloren. Davon zeugt das internationale Erzählfestival „Geschichtenkarussell“ in České Budějovice (Budweis), das im Oktober sein 10-jähriges Jubiläum feiert. Regelmäßige Teilnehmer des Festivals sind der tschechische Verein Verbarium und der Verband der Erzählerinnen und Erzähler, der über zweihundert Geschichtenerzähler aus deutschsprachigen Ländern vereint. Ziel ihrer ersten Zusammenarbeit ist es, zwei generationsübergreifende Erzählclubs auf beiden Seiten der Grenze, in České Budějovice (Budweis) und Selb, zu eröffnen. Eine deutsche und eine tschechische Arbeitsgruppe bereiten jeweils eine eigene Theateraufführung vor, die sie auf dem Festival zu einer gemeinsamen Vorstellung verbinden. Ihre neue Methodik und ihre ersten Erfahrungen werden die beiden Clubs dann auf der Konferenz „Storytelling in der Praxis“ präsentieren.
Empfehlung: 150.000 CZK
Tschechische Ausgabe von Bedřich Taubers Tagebüchern
Ein einzigartiges Zeugnis aus der Feder Bedřich Taubers, der aus einer jüdischen Familie stammte, im deutsch-tschechischen Kulturraum Südmährens aufwuchs und dank eines dreijährigen Untertauchens in Blansko die nationalsozialistische Okkupation überlebte. Seine bisher unveröffentlichten Tagebücher schildern, wie der Krieg in das Leben von Menschen unterschiedlicher Nationalität in der mährischen Grenzregion einbrach und zum Zerfall gemischter Familien führte. Taubers Tagebücher beleuchten konkrete menschliche Schicksale im historischen Kontext und werden eine weitere wertvolle Quelle der deutsch-tschechischen Geschichte sein. Die Publikation wird vom Brünner Stiftungsfonds Mehrin herausgegeben, der auch ihre Präsentation für Schulen und Öffentlichkeit übernimmt.
Empfehlung: 130.000 CZK
Schiffsfahrt auf den Wellen der Geschichten
Die Bibliotheken aus Děčín (Tetschen) und Pirna bereiten in Zusammenarbeit mit der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna eine literarische Reise auf der Elbe vor. Am Samstag, dem 14. November, finden sich beide Städte auf einem Schiff zusammen, und kaum sind die Anker gelichtet, erklingen Verse deutscher Schriftsteller und einer tschechischen Dichterin. Und das ist erst der Anfang der dreistündigen Fahrt! Die Passagiere werden dem Autor des Buches „Rote Bergsteiger“ begegnen und dessen tschechische Ausgabe taufen. Auf einem Kreativdeck kann jeder eine Collage aus ausrangierten Büchern gestalten oder zu einem gemeinsamen Schiffstagebuch beitragen, das anschließend in Buchform erscheinen wird. Lesungen und Gespräche, eine Puppentheatervorstellung oder ein interaktives Spiel zum Thema Literatur und Landschaft finden zweisprachig statt. Die erste Zusammenarbeit zwischen den Stadtbibliotheken Děčín (Tetschen) und Pirna wurde von einem Teilnehmer unseres Programms „Ein Jahr an der Grenze“ ins Leben gerufen.
Empfehlung: 72.713 CZK
Schüler in Schindlers Fabrik in Brněnec
Deutsche und tschechische Schüler unter 18 Jahren, ausgewählte Botschafter weiterführender Schulen, treffen sich zu einem gemeinsamen Workshop in der einstigen Fabrik Oskar Schindlers in Brněnec (Brünnlitz). Eingeladen sind auch Experten, die die literarisch und filmisch verarbeitete Geschichte in den historischen Kontext einordnen. Anschließend gestalten die Schülerinnen und Schüler eine Wanderausstellung, die als pädagogisches Instrument an Schulen dienen soll. Sie wird aus mobilen Ausstellungstafeln, digitalen Elementen, Archivmaterialien oder Aussagen von Überlebenden bestehen. Der Stiftungsfonds Archa der Familie Löw-Beer und Oskar Schindlers hat in Zusammenarbeit mit Partnerschulen aus Deutschland einen Zuschuss beantragt, der die Teilnahme von 25 deutschen Schülerinnen und Schülern an dem Workshop in Brněnec ermöglicht.
Empfehlung: 7.000 Euro
Dokumentarfilm: Wohin sind Anka Kauders Träume verschwunden?
Anka wuchs in einer jüdischen Familie und Gemeinde in Třebechovice pod Orebem (Hohenbruck) auf, bis ihre glückliche Kindheit durch die Nazis, die Rassengesetze und den Krieg ein jähes Ende fand. Sie durchlief die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz, musste in Freiberg Zwangsarbeit verrichten, ihre Tochter kam in Mauthausen zur Welt. Ankas Geschichte wie auch ihr Leben nach dem Krieg erzählt ein Dokumentarfilm, der vom Kunstverein Klíč k tvořivosti (Schlüssel zur Kreativität) aus der Region Hradec Králové vorbereitet wird. Er basiert auf Zeitzeugen-Interviews, die bei der Shoah Foundation und im Jüdischen Museum in Prag aufgezeichnet wurden, auf den Erzählungen ihrer Tochter wie auch der Museumsdirektorin oder der Chronistin der Stadt Třebechovice (Hohenbruck). Der Film entsteht in einer tschechischen, deutschen und englischen Fassung. Projektpartner ist die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die Archivdokumente zur Verfügung stellt.
Empfehlung: 200.000 CZK
Vertonte Rilke-Gedichte bei einem Konzert im Prager Heinrichsturm
Der deutsche Komponist Holmer Becker hat Liederzyklen nach Gedichten R. M. Rilkes geschaffen. Rilke, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Jahrhundertwende, starb vor 100 Jahren. Die Kompositionen werden von Holmer Becker mit dem tschechischen NeoKlasik orchestra für ein Konzert im Prager Heinrichsturm einstudiert, der sich unweit von Rilkes einstigem Wohnsitz befindet. Die vertonten Gedichte erklingen am 5. November in der Darbietung eines deutschen Solisten, die gemeinsamen Proben mit dem Orchester dauern zwei Tage. Das einzigartige Konzert zum hundertsten Todestag des Dichters knüpft an eine langjährige Zusammenarbeit deutscher und tschechischer Musiker an, die ihr Schaffen einem Publikum in beiden Ländern präsentieren.
Empfehlung: 35.000 CZK
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Praxis: Die Feuerwehren aus Varnsdorf und Großschönau
Das Programm des Verwaltungsrates umfasste auch einen Besuch bei der Freiwilligen Feuerwehr in Großschönau. Diese arbeitet seit Langem mit ihren Kollegen aus Varnsdorf zusammen und zeigt, wie die deutsch-tschechische Zusammenarbeit im Alltag der Grenzgemeinden funktionieren kann.
Am Dienstag, dem 29. September 2026, trafen sich Feuerwehrleute von beiden Seiten der Grenze unter anderem mit Verwaltungsratsmitgliedern des Zukunftsfonds, dem sächsischen Innenminister Armin Schuster sowie mit Vertreterinnen und Vertretern beider Gemeinden. Dabei stellten sie ihre bisherige Zusammenarbeit wie auch Pläne für deren weitere Entwicklung vor.

Die Feuerwehrvereine wollen sich zudem an der Sonderausschreibung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds „Freiwillige Feuerwehr – eine Quelle der guten Nachbarschaft“ beteiligen, die Partnerschaften zwischen Freiwilligen Feuerwehren aus Deutschland und Tschechien fördert. Gemeinsame Projekte können vom Fonds mit bis zu 70 % der Gesamtkosten bezuschusst werden.
Das Treffen fand am 29. September ab 17:30 Uhr im Feuerwehrhaus Großschönau statt.











